HUMANOO | Digitales BGM: Keine Frage ob, sondern wann! Ein Interview mit Prof. Dr. David Matusiewicz

Digitales BGM: Keine Frage ob, sondern wann!

Digitales BGM

Ein Interview mit Prof. Dr. David Matusiewicz

Gesundheitsapps, Online Coachings oder Wearables - die Digitalisierung hat mittlerweile auch das betriebliche Gesundheitsmanagement erreicht. Prof. Dr. David Matusiewicz verrät uns im Interview, welche Potenzial und Herausforderungen in dem Bereich stecken.

 

David_MatusiewiczDavid Matusiewicz ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule. Seit 2015 ist er als Dekan für den Hochschulbereich Gesundheit und Soziales verantwortlich und hat kürzlich in Zusammenarbeit mit Linda Kaiser sein Sammelwerk “Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement” herausgebracht.  Welche Potenziale in diesem Bereich stecken und was die größten Herausforderungen sind, erklärt er uns im Interview.

Herr Matusiewicz, wie kam es eigentlich zu Ihrem Interesse an digitalem betrieblichen Gesundheitsmanagement?

Also ich muss ehrlich sagen, dass ich BGM zunächst eher kritisch betrachtet habe. Es ist natürlich anzunehmen, dass man seinen Mitarbeitern etwas Gutes tun möchte und dass - zu einem ziemlich ungewissen Zeitpunkt - auch ein positiver Effekt eintritt, aber das Messen dieses Effektes ist eher schwierig. In vielen Unternehmen ist das Thema BGM auch schon ein Stück weit verbrannt. Bereits vor Jahren haben Unternehmen verschiedene BGM-Ansätze ausprobiert und das mit mäßigem Erfolg. Daher war ich zunächst eher skeptisch, was das Thema BGM anging. Doch dann hat die Zeit der Digitalisierung begonnen und man hat angefangen, Daten zu erheben und Ergebnisse zu messen. Das hat einfach mehr Struktur in die Sache gebracht. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann angefangen mich für die Schnittmenge aus Digitalisierung und klassischem BGM zu interessieren. Ich bin sehr froh, dass ich den Weg gegangen bin, da ich glaube, dass dieser Bereich sehr, sehr viel Potenzial hat.

Sie haben gesagt, dass das Thema BGM teilweise ein verbranntes Thema ist. Dadurch stößt es nicht immer auf großes Interesse seitens der Führungskräfte und der Belegschaft. Wie kann Ihrer Meinung nach Digitalisierung frischen Wind in diesen Bereich bringen?

BGM hat in Unternehmen häufig einen schwierigen Stellenwert. Wenn kein Geld da ist, ist es eines der ersten Dinge, die gestrichen werden. Es wirkt sich schließlich nicht direkt auf den Umsatz aus. Wenn es dem Unternehmen zu gut geht, sieht man allerdings auch keine Notwendigkeit, Geld zu investieren. Und warum die Digitalisierung frischen Wind bringen kann - ich glaube, dass es dadurch wieder greifbarer und ein Stück weit pragmatischer für Unternehmen wird. Maßnahmen können sehr schnell, an verschiedenen Orten gleichzeitig und ohne besonders großen Personalaufwand durchgeführt werden. Das ist auch vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen interessant. Man kauft sich einfach ein Tool - ob das eine App, ein Programm oder irgendein Service von außen ist - und kann das, was man möchte für alle gleichzeitig anbieten. Solche Dinge waren vorher einfach nicht denkbar und bringen erhebliches Potenzial mit sich.

Aus Ihrem Übersichtsbeitrag ging hervor, dass bisher eher wenige digitale Ansätze in der Praxis existieren. Trotzdem zeigen Unternehmen grundsätzlich Interesse für diesen Bereich. Was ist Ihrer Meinung nach das größte Hindernis für Unternehmen, den digitalen Weg einzuschlagen?

Das Thema Digitalisierung ist mittlerweile überall angekommen. Trotzdem muss man bedenken, dass die Entscheidungsträger in den meisten Fällen keine “Digital Natives” sind. Es besteht häufig eine Lücke zwischen jungen Leuten, die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind und alteingesessenen Führungskräften, die dem Ganzen eher skeptisch gegenüber stehen. Auch seitens des Betriebs- oder Personalrats trifft man häufig auf Widerstand - vor allem aufgrund der Sorge um die Überwachung der Mitarbeiter. Dies ging auch aus unserer Führungskräftebefragung hervor, wobei vor allem die Schnelllebigkeit der Marktes eine Rolle spielt. Führungskräfte fürchten, dass Unternehmen aus dieser Branche vielleicht in zwei Monaten pleite sind und die Daten der Mitarbeiter wer weiß wo landen. Dies würde dann auf sie selbst zurückfallen. Auch wenn die Bereitschaft insgesamt größer wird, finde ich, dass derzeit eine Art Mikadotaktik herrscht. Man wartet erstmal ab, fragt bekannte Unternehmen, was sie einsetzten und schaut, was die Presse macht. Erst wenn sich eine Lösung am Markt etabliert hat, zeigt sich sicherlich auch eine größere Bereitschaft.

Nach Ihrer Systematisierung existieren im digitalen BGM folgende Instrumente: Gesundheits-Apps, Online Coachings, Wearables, Gesundheitsplattformen und BGM-Komplettsysteme. Bei welchen dieser Instrumente sehen Sie die größten Potentiale?

Jedes dieser Instrumente hat Vor- und Nachteile. Erfahrungswerte zeigen, dass Apps beispielsweise für Unternehmen sehr verlockend sind. Man kann verschiedene Dinge abfragen oder auch Schritt-Wettbewerbe darüber aussteuern. Das ist eine tolle Idee und schafft auch einen Gamification-Effekt. Allerdings wird bei einer internen Lösung der Programmieraufwand häufig unterschätzt. Daher sind Programme, die extern dazu gebucht werden, deutlich schneller und einfacher umzusetzen. Das Unternehmen kann quasi von heute auf morgen einen Service zur Verfügung stellen, durch den die Mitarbeiter in verschiedenen Gesundheitsfragen Unterstützung bekommen. Dieser Service kann dann auch außerhalb der Arbeit genutzt werden. Aus meiner Sicht hat das sehr großes Potenzial. Vor allem, wenn man betriebliche Gesundheit nicht nur im Sinne des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz sieht, sondern den Mitarbeitern eine Art Rundum-sorglos-Paket zu Verfügung stellt. So haben sie die Möglichkeit, auch bei privaten Anliegen Unterstützung zu bekommen und tragen das Problem nicht mit in die Arbeit.

Apropos Gamification-Effekt - sehen Sie diesen Ansatz grundsätzlich eher als Spielerei oder schon als nachhaltigen Anreiz für eine langfristige Verhaltensänderung?

Ich glaube schon, dass man durch Gamification viel erreichen kann. Spiele sind schon lange nicht mehr nur für Kinder und Jugendliche interessant, sondern zunehmend auch für Erwachsene. Ich bin fest davon überzeugt, dass man durch Wettbewerb untereinander oder durch soziale Netzwerke Anreize schafft, sich selbst zu “challengen” und zu motivieren. Wenn in der Mittagspause darüber gesprochen wird, wie viele Schritte man gemacht hat oder auf welchem Platz der Kollege ist, hat das natürlich ganz andere Anreize, als alleine zu Hause ein paar Übungen zu machen.

Zu Beginn hatten Sie schon das Thema Datenschutz angesprochen, was ja immer ein heiß diskutiertes Thema in diesem Bereich ist. Was entgegnen Sie Kritikern, die einen gläsernen Mitarbeiter befürchten?

Grundsätzlich habe ich für mich die These aufgestellt: Lieber rette ich die Gesundheit der Mitarbeiter in diesem Kontext, als deren Daten. Ich glaube das Thema wird häufig zu hoch gekocht und teilweise als Totschlagargument genommen. Dem Ganzen kann man entgegenwirken, indem man die Datenhoheit bei den Mitarbeitern lässt. Das heißt, dass der Mitarbeiter selbst entscheiden und kontrollieren kann, ob er Teil eines Angebots werden möchte und ob die Daten beispielsweise für Forschungszwecke oder für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen genutzt werden dürfen. Ich glaube, dann werden die Kritiker auch ein Stück weit stummer werden.

Gerade Führungskräfte spielen im gesamten BGM-Prozess eine entscheidende Rolle und wie Sie schon vorhin erwähnt haben, stößt man da nicht immer auf offene Ohren. Wie überzeugen Sie Skeptiker, dass digitales BGM der richtige Ansatz ist?

Ich glaube, dass auf Dauer die Entscheidung ein Stück weit abgenommen wird, weil schlichtweg keine neuen Mitarbeiter nachrücken und die, die anwesend sind, immer kränker werden. Also stellt sich die Frage nach der Alternative und ob man jetzt noch genug Zeit hat, darüber groß zu diskutieren. BGM wird aus meiner Sicht zunehmend ein strategischer Erfolgsfaktor, der einerseits zur Gewinnung und andererseits zur Bindung der Mitarbeiter eingesetzt wird. Denn Arbeitnehmer hören sich auch links und rechts um, was andere Unternehmen anbieten. So kann es schnell zu einem strategischen Wettbewerbsnachteil kommen, wenn man keine BGM-Maßnahmen anbietet und sich die Mitarbeiter dadurch nicht wertgeschätzt fühlen. Außerdem möchten Unternehmen ihre ältere Belegschaft so lange wie möglich binden. Hierbei kann auch die Digitalisierung als Form der Arbeit 4.0 helfen, wodurch weniger körperliche Arbeit anfällt. Von daher ist es keine Frage mehr ob, sondern eher wann der Weg eingeschlagen wird. Und dabei ist es angeraten, dies ziemlich zeitnah zu tun. Denn es kann Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern, bis entsprechende Anbieter gefunden, die Führungskräfte geschult und die Prozesse in Gang gesetzt werden.  

Wir kommen nun schon zur letzten Frage. Nutzen Sie denn selbst auch kleine digitale Gesundheitshelfer?

Ja, in der Tat nutze ich zum Beispiel eine Lauf-App. Da passiert es mir dann wirklich, dass ich nochmal zweimal ums Haus gehe, damit ich mein Ziel erreiche. Das würde ich glaube ich nicht tun, wenn die App mir das nicht sagen würde. Das ist natürlich auch immer eine psychologische Komponente und funktioniert auch bei mir. Auf der anderen Seite, wenn ich gerade bei einem Kongress sitze und mir meine App anzeigt, bitte aufstehen, ist das natürlich etwas unpassend.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Digitales BGM, Interview, Prof.Dr. Matusiewicz, Gesundheitsapps, Digitalisierung

Früher Wirtschaftlicher Nutzen von BGF - mehr als nur Zahlen
Next Gesunde Belegschaft - eine Führungsaufgabe?

Suche

Letzter Beitrag

Hol dir jetzt HUMANOO!