HUMANOO | Gesunde Führung - Drei Tipps für die Praxis von Diplom-Psychologin Ursula Dangelmayr

Gesunde Führung - Drei Tipps für die Praxis von Diplom-Psychologin Ursula Dangelmayr

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Wenn es um betriebliches Gesundheitsmanagement geht, kommt immer wieder das Thema der gesunden Führung auf. Was genau dahinter steckt und worauf Führungskräfte bei ihrem Führungsverhalten achten sollten, erklärt Diplom-Psychologin Ursula Dangelmayr im Interview.

Ursula DangelmayrUrsula Dangelmayr ist Diplom-Psychologin und hat nach 10 Jahren in der Personal- und Organisationsentwicklung und nach 15 Jahren Führungserfahrung den Entschluss gefasst, sich als Trainerin und Beraterin für betriebliches Gesundheitsmanagement selbstständig zu machen. Sie unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung von BGM-Projekten und berät sowohl Mitarbeiter, Führungskräfte als auch BGM-Verantwortliche. Welche Erfahrung sie beim Coaching von Führungskräften gemacht hat, worauf es bei einem gesunden Führungsstil ankommt und welche Tipps sie für die Praxis hat, erklärt sie uns im Interview.

Sie selbst haben jahrelange Führungserfahrung. Was hat Sie dazu bewegt, die Perspektive zu wechseln und nun beratend tätig zu sein?

Ich war 15 Jahre lang als Führungskraft tätig und das auf einer relativ hohen Ebene. In Call- und Service-Centern habe ich verschiedene Einheiten aufgebaut, aber irgendwann wollte ich wieder mehr zurück zu meinen Wurzeln. Ich bin Psychologin und meine damalige Tätigkeit war recht weit von meinem eigentlichen Fach entfernt. Daher habe ich mich dazu entschlossen in die Beratung zu wechseln und meinen Erfahrungsschatz mit anderen Führungskräften zu teilen. Insbesondere das Thema gesunde Führung lag mir dabei am Herzen.

Was genau steckt hinter der Bezeichnung “gesunde Führung”?

Eigentlich steckt da nichts Neues dahinter. Die Ansätze der gesunden Führung gibt es schon sehr lange - ungefähr seit den 90er Jahren. Damals wurde eher der Begriff “mitarbeiterorientierte” Führung verwendet. Darunter hat man die Einbeziehung der Mitarbeiter, die Möglichkeit der Weiterbildung und persönliche Entfaltung sowie eine angemessene Kommunikation untereinander verstanden. Neu ist allerdings, dass ein direkter Zusammenhang des Führungsverhaltens mit der Gesundheit der Mitarbeiter nachgewiesen werden konnte.

Und wie genau sieht dieser Zusammenhang aus?

Studien konnten konkret zeigen, dass das Cortisol-Level und andere Hormonespiegel, welche als Stress-Indikatoren dienen, in Abhängigkeit von verschiedenen Führungsstilen steigen. Insbesondere in Situationen, in denen Führungskräfte ihre Mitarbeiter anschreien oder unangemessen anschnauzen, steigt das Stresslevel erheblich an. Auch mangelnde Kontrollierbarkeit der Arbeitssituation kann ein Stressfaktor sein. All diese Aspekte können stressbedingte Erkrankungen begünstigen.

Was sagen Sie Kritikern, die der Meinung sind, Gesundheit ist Privatsache und nicht Aufgabe der Führungskräfte oder des Unternehmens an sich?

Natürlich ist Gesundheit “auch” Privatsache. Doch gerade Vollzeitbeschäftigte verbringen nunmal einen Großteil ihrer Zeit auf der Arbeit. Und wenn sie dann beispielsweise private Probleme haben - sei es eine Scheidung oder sonstige belastende Ereignisse - geben sie diese Problem natürlich nicht an der Pforte ab. Solche psychischen und auch physischen Beschwerden wirken sich dann auch auf die Arbeitsleistung aus und betreffen somit auch die Führungskräfte. An dieser Stelle ist es Teil der Fürsorgepflicht, sich auch um die Gesundheit der Mitarbeiter zu kümmern und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. 


 

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Können Sie Beispielsituationen nennen, die einen eher ungesunden Führungsstil repräsentieren und zu den eben erwähnten negativen gesundheitlichen Konsequenzen führen?

Diese Liste ist lang. Aber um einige Beispiele zu nennen: Verhaltensweisen wie anschnauzen oder rumschreien bis hin zu cholerischen Ausrastern sind sehr unangenehm und belastend für die Mitarbeiter. Doch auch ironische Führungskräfte, die viel mit Sarkasmus arbeiten und kommunizieren, sind schwierig für die Mitarbeiter zu händeln. Sie sind schwer einzuschätzen und man weiß nicht, wann etwas wie gemeint ist. Auch das kann Druck und Unwohlsein seitens der Mitarbeiter aufbauen. Einige Führungskräfte beziehen weder die Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse ein noch berücksichtigen sie Vorschläge. Schlimmer ist es nur dann, wenn sie die Ideen der Mitarbeiter als ihre eigene ausgeben und so auf der nächsten Ebene die Anerkennung ernten. Unzufriedenheit und Demotivation sind hierbei die Folge.

Gerade solche Führungskräfte sind möglicherweise nicht immer bereit sich in diesem Bereich weiterzubilden. Wie offen sind Ihrer Erfahrung nach Führungskräfte, an Schulungen zum Thema gesundheitsgerechte Führung teilzunehmen?

Aus psychologischer Sicht sind hierbei natürlich immer die Prozesse der Verhaltensänderung sehr interessant. Wenn sich jemand absolut nicht ändern will und derjenige auch keinen Handlungsbedarf sieht, kann man sich auf den Kopf stellen oder Pflichtveranstaltungen einführen und wird trotzdem nichts erreichen. Gerade dann werden Führungskräfte einem eher mit Widerstand entgegen und sich fragen, warum sie sich jetzt auch noch um die Gesundheit der Mitarbeiter kümmern sollen. Doch in Firmen, in denen insgesamt schon viel gemacht wird, in denen Weiterbildungen angeboten werden und die Vorgesetzten sorgfältig ausgewählt wurden, zeigen Führungskräfte auch deutlich mehr Bereitschaft, sich zu verbessern und sich weiterzubilden. Darüber hinaus muss man die Führungskräfte locken und verführen, um sie für das Thema “Gesundheit” zu gewinnen, indem man sich zum Beispiel auch um ihre Gesundheit kümmert.

Was kann man noch tun, um das Interesse der Führungskräfte zu wecken?

Grundsätzlich bin ich immer dafür, solche Veranstaltungen in einem freiwilligen Rahmen anzubieten und keine Pflichtlektion daraus zu machen. Außerdem spielt auch das Umfeld eine wichtige Rolle: eine Abendveranstaltungen mit interessanten Möglichkeiten Kontakte zu knüpfen und entsprechender Verpflegung ist mit Sicherheit ansprechender als eine simple Schulung im tristen Meetingraum. Wichtig ist, dass ein erster Impuls gesetzt wird und die Führungskräfte dazu gebracht werden, sich auch gegenseitig zur Teilnahme zu motivieren.

“Gesunde Führungskraft - gesunde Mitarbeiter.” Wie viel Wahrheit steckt in dieser Aussage?

Ein Teil Wahrheit steckt definitiv in dieser Aussage. Es gibt zwar keinen ganz eindeutigen Wirkungsgrad, der gemessen werden kann und den Zusammenhang zweifelsfrei belegt. Doch wenn eine Führungskraft selbst auf sich und die eigene Gesundheit achtet, wird die Sensibilität auch gegenübern den Mitarbeiter gestärkt. Wenn ich selbst die Signale meines Körpers richtig deuten kann und dann auch darauf höre, z.B. indem ich mehr Pausen mache oder 10/12 h -Tage nicht zur Gewohnheit werden, kann ich das auch auf meine Mitarbeiter übertragen und entsprechende Signale richtig deuten.

Gesundheit im Betrieb heißt nicht nur gesund zu führen. Auch andere BGF-Maßnahmen gehören dazu. Inwieweit steht und fällt der Erfolg von BGF-Maßnahmen mit der Unterstützung der Führungskräfte?

Definitiv steht und fällt der Erfolg von BGF-Maßnahmen mit der Unterstützung der Führungskräfte.Und damit sind nicht nur die direkten Vorgesetzten gemeint. Die Unterstützung muss auf allen Hierarchiestufen vorhanden sein. In einem Unternehmen, das ich beraten habe, gab es beispielsweise einen Raum, der für kurze Erholungspausen genutzt werden konnte. Doch dieses Angebot wurde kaum genutzt. Als ich nachgefragt habe, ob sich denn auch die Vorgesetzten ein Moment Ruhe in dem besagten Raum gönnten, wurde dies nur kopfschüttelnd abgetan. “Wie würde das denn aussehen?” kam da oft als Antwort. Daher empfehle ich immer, BGF-Maßnahmen auch aktiv zu unterstützen und selbst daran teilzunehmen. Ich beispielsweise habe mich im Firmensport gerne engagiert und meine Mitarbeiter dazu animiert, mit mir mitzukommen.

Psychische Erkrankungen werden in deutschen Unternehmen zunehmend zum Problem. Inwieweit kann ein gesunder Führungsstil dabei Abhilfe schaffen?

Es sind ja nicht nur die psychischen Erkrankungen, die immer häufige werden, sondern insgesamt die stressbedingten Beschwerden. Dazu können psychische Erkrankungen, aber auch Rückenschmerzen, Magenbeschwerden oder sonstige körperliche Erscheinungen zählen. Aber gerade psychische Erkrankungen sind natürlich ein heikles Thema und werden oft tabuisiert. Trotzdem ist es wichtig als Führungskraft der Fürsorgepflicht nachzugehen - und die gilt nicht nur für den betroffenen Mitarbeiter, sondern für das ganze Team. Denn psychische Belastungen können sich auf die gesamte Arbeitsumgebung auswirken. Daher ist es wichtig, sich dem Problem anzunehmen, auch wenn das zugegebenermaßen nicht ganz leicht ist.

Ständige Erreichbarkeit, Digitalisierung und Globalisierung. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Wie sollten Führungskräfte darauf reagieren?

Führen ist in der heutigen Welt der Ungewissheit, der Digitalisierung, des demografischen Wandels usw. viel schwieriger geworden. Denn der Arbeitnehmermarkt drängt Führungskräfte zu einer bewussten Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Fühlen sich Arbeitnehmer nicht mehr wohl oder nicht ausreichend unterstützt, suchen sie sich eine neue Stelle und das ist in Zeiten des Fachkräftemangels für Arbeitgeber nicht gerade von Vorteil. Daher sollten Führungskräfte unbedingt auf die neue Arbeitswelt reagieren und sich um ihre Mitarbeiter - aber auch sich selbst - kümmern. Denn Eigenverschleiß bringt da niemanden einen Vorteil.

Haben Sie zum Schluss noch drei gute Tipps für die Praxis, die Führungskräfte beherzigen können?

Einen kühlen Kopf bewahren! Ärger und Stress ist ja für Führungskräfte ein Normalzustand und es wird oft erwartet, dass sie eine Art „Problemlöseknopf” drücken und sofort eine Lösung parat haben. Da dies natürlich nicht der Fall ist, rate ich immer, nicht sofort in blinden Aktionismus zu verfallen, sondern Abstand zu der Situation zu nehmen und die emotionale Reaktion dadurch zu minimieren. Die bekannte Volksweisheit, eine Nacht drüber zu schlafen, kann in solchen Situationen wirklich helfen.

Mein zweiter Tipp ist, sich eine sogenannte regenerative Gegenwelt zu schaffen. Das heißt, dass sich Führungskräfte auch mal bewusst für die Freizeit entscheiden sollten. Hobbies, Familie und Freunde sind ein wichtige Gegenpol, der auch in sehr stressigen Zeiten nicht vernachlässigt werden darf. So können langfristig stressbedingte Erscheinungen, wie Burnout vermieden werden.

Zuletzt rate ich Führungskräften immer, mit allen Mitarbeitern Kontakt zu pflegen und sich nicht nur die Lieblinge für die Mittagspause auszusuchen. Nur so lernen sie die Stärken und Schwächen aller Mitarbeiter kennen und können auch gesundheitliche Warnsignale besser deuten.

Vielen Dank für das Gespräch.

  

Gesunde Führung, Interview, Führungsverhalten, Gesundheitsförderung, Ursula Dangelmayr

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